Hausaufgaben – ein Experiment.

der heisse draht
Image Credits: „Der heiße Draht“ via Flickr (fRedi)

Hausaufgaben sind ein aus dem Unterricht kaum wegzudenkendes Element – ähnlich wie Tafel, Schulbank und Klassenarbeiten gehören sie eben einfach dazu. Das regelmäßige Erteilen von Hausaufgaben gehört zur Stundenplanung für viele Lehrer und Referendare einfach dazu, eine wohlgepflegte und lieb gewonnene Tradition. Denkste!

Der Anstoß zum Umdenken kam für mich in Form der Pädagogik-Prüfung im Referendariat (ja, sie war tatsächlich zu etwas nützlich!), zu welcher wir uns selbst ein Schwerpunktthema suchen mussten durften. Meine Motivation im Pädagogik-Seminar war zugegebenermaßen recht schwankend und am Tag der Themenwahl habe ich mangels eigener Ideen meiner Seminarleiterin einfach gesagt: „Welches Thema möchten SIE denn gerne in einer Prüfung mal wieder hören? Ich nehme alles.“ Und schon war ich beim Thema Hausaufgaben 🙂

Je mehr ich darüber gelesen habe, umso mehr wurde mir klar, wie selbstverständlich (und unreflektiert) ich Hausaufgaben gegeben und als selbstverständlich angesehen habe. Auch in meiner eigenen Schulzeit oder dem Referendariat wurden Hausaufgaben nie wirklich hinterfragt, im Gegenteil sie wurden von vielen Seiten (auch Eltern!) meist explizit gewünscht. Warum eigentlich?

Erfolgsgefühle vs. Frustration

Es wird oft angeführt, dass Hausaufgaben den Schülern Erfolgserlebnisse verschaffen und Kompetenzerfahrungen ermöglichen. Um ehrlich zu sein, das konnte ich eher selten beobachten. Schüler die den Unterrichtsstoff bereits verstanden haben werden mit den Aufgaben mit hoher Wahrscheinlichkeit gelangweilt, Schüler mit Verständnisproblemen benötigen bei der Bewältigung der Hausaufgaben Hilfestellung.

Aber nicht alle Schüler können auf Eltern mit ausreichend zeitlichen Ressourcen zurückgreifen – und bei weitem nicht in allen Bereichen dürften die Eltern sich in der Lage fühlen den jeweiligen Stoff altersgemäß aufbereitet zu erklären wie ein Lehrer es könnte. Ganz zu schweige von Eltern die mehr als ein Kind in mehr als einer Klassenstufe haben.

Besonders stoßen mir langfristige, umfangreiche Aufgaben auf die quasi als „Elternhausaufgaben“ aufgefasst werden, z.B. das Herbarium in Biologie. Kürzlich habe ich selbst so eine Aufgabe in Technik & Computer aufgegeben (Präsentation zu Bäumen) und dabei so krass aufwendige Werke bekommen, dass man direkt die ganze Familie vor dem geistigen Auge hat mitarbeiten sehen. Ist das verwerflich? Vielleicht nicht. Aber Schüler die nicht auf solche familiären Ressourcen zurückgreifen können (oder überhaupt das Glück haben noch bei ihrer Familie zu wohnen!) werden bei solchen Aufgaben schon benachteiligt.

Arbeiten im eigenen Lerntempo vs. Zeitverschwendung

Da die HA üblicherweise nicht in der Schule sondern daheim erledigt werden, kann man diese im eigenen Lerntempo erledigen. Das kann man natürlich schwer in Abrede stellen, jedoch sollte man Bedenken welcher zeitliche Umfang schnell erwächst wenn die Schüler die Lösung der Aufgabe eben nicht sofort erfassen können und keine adäquate Hilfestellung bereit steht.

Im Rahmen einer Evaluation/Einschätzung meines Unterrichts habe ich auch oft nach dem Zeitumfang der HA in Mathe und Physik pro Woche gefragt, da schwanken die Werte von 0,5-3 Stunden. Zieht man dazu in Betracht das in Physik nahezu keine HA erteilt werden – und Mathe nur ein Fach von vielen ist – kann man erahnen welche Belastung für einige Schüler hinter diesen vermeintlich kurzen Aufgaben stecken.

Man darf dabei jedoch nicht vergessen: Viele Schüler haben neben dem Unterricht auch einen enormen Anfahrtsweg (teilweise eine Stunde) von und zur Schule, müssen sich auch um kleinere Geschwister kümmern, sind in Sportvereinen aktiv oder engagieren sich auf vielfältige Art und Weise für die Schule (Theater, Journalistik-AG, Schach, …). Sind diese Beschäftigungen denn immer als geringer einzuschätzen als Hausaufgaben?

Zeitersparnis vs. Zeitfalle

Hausaufgaben können einem das Leben als Lehrer erleichtern. Schaffen wir etwas nicht im Unterricht, gibt es das eben als Hausaufgabe. OK – so sollte es vielleicht nicht laufen, aber Hand aufs Herz, welchem Lehrer ist dieser Spruch noch nicht über die Lippen gekommen? 🙂

Man kann natürlich auch so argumentieren: Die wertvolle, weil chronisch viel zu kurze, Unterrichtszeit wird zur Erarbeitung des Stoffes genutzt und das Üben durch die HA in die „Freizeit“ verlagert. Klingt einfach, aber der Teufel steckt hier im Detail:

  • Hausaufgaben müssen aufgegeben werden. Das heißt ich muss Aufgaben auswählen die in Umfang, Schwierigkeitsgrad, etc. angemessen sind und im Unterricht genügend Zeit einräumen das diese Aufgaben ins Hausaufgabenheft eingetragen werden.
  • Hausaufgaben müssen kontrolliert werden. Eine schnell ausgesuchte Aufgabe im Lehrbuch entpuppt sich ganz schnell als unverständlich für Schüler, dies muss dann entsprechend aufgegriffen und korrigiert oder erklärt werden. Aus korrekten Lösungen auf das Verständnis zu schließen ist trügerisch, der Prozentsatz an abgeschriebenen HA hoch.
  • Hausaufgaben(-Nichterledigungen) müssen sanktioniert werden. Vergessene Hausaufgaben und Arbeitsmittel werden bei uns akribisch in Listen im Klassenbuch, oft auch zusätzlich ins Hausaufgabenheft der Schüler, eingetragen. Mit welcher Konsequenz? Information an die Eltern und Einfluss auf die Kopfnoten (Betragen, Fleiß, Mitarbeit, Ordnung).

Jeder dieser Schritte kostet Zeit, wenn auch nicht immer viel. Trotz allem sollte man sich dann vielleicht trotzdem die Frage stellen ob diese Zeit nicht besser mit einer entsprechend gestalteten Übung im Unterricht (und entsprechender fachkundigen Hilfe durch den Lehrer) besser eingesetzt wäre.

Sinnhafte Gestaltung vs. Standardaufgabe

Ja. Hausaufgaben können auch richtig Sinn machen und ein (altersabhängiges) Ziel verfolgen: Erst Selbstbestätigung und „Einpendeln“, dann Vorbereitung auf Arbeitshaltung, Zeitmanagement, Genauigkeit und Pflicht mit den Zielen Einüben von Selbstständigkeit, Arbeitsplanung und Arbeitstechniken.

Die Frage ist jedoch, ob zur Erreichung dieser Ziele HA notwendig sind – bzw. HA von der Art, wie sie oft gegeben werden. Werden damit nicht nur Tugenden wiederholt, die während des Schulalltages eh schon hinreichend oft gefordert werden?

Selbst Befürworter von Hausaufgaben machen deutlich, das einige Aspekte zum „Gelingen“ notwendig sind:

  • HA müssen einen angemessenen Umfang haben.
  • HA müssen grundsätzlich ohne Hilfe zu bewältigen sein.
  • HA erfordern klare Arbeitsanweisungen.
  • Notwendige Strategien zur Bewältigung der HA müssen den Schülern bekannt sein.
  • Es ist eine Motivation der Schüler notwendig.
  • Die Bemühungen der Schüler sollten wahrgenommen und gewürdigt werden.

Das dürfte wohl kaum mit Aufgaben vom Typ „Lehrbuch Seite XY, Aufgabe Z“ ganz pauschal erreicht werden?! Stellt sich die Frage – was sind eigentlich Hausaufgaben? Sind Hausaufgaben alle Aufgaben die Schüler zu Hause erledigen? Ist das Lernen von Vokabeln eine Hausaufgabe? Oder die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts zu Hause, z.B. als Vorbereitung für die nächste Stunde oder die Täglichen Übungen (Mathe)? Fragen über Fragen 🙂

Würde man den obigen Anforderungen gerecht werden wollen, wäre man bei individualisierten (differenzierten) Übungsaufgaben – schon eher etwas, womit ich etwas anfangen kann.

Hausaufgaben – ein Experiment

Insgesamt finde ich die Argumente gegen Hausaufgaben wesentlich eingängiger als die Argumente dafür. Noch stehe ich recht am Anfang, aber ich versuche mich selbst zu disziplinieren folgende Leitgedanken bei der Aufgabe von Hausaufgaben zu berücksichtigen:

  • Freiwilligkeit. So oft wie möglich gebe ich Aufgaben freiwillig auf, wer Übungsbedarf hat kann auf Aufgaben zurückgreifen – muss aber nicht.
  • Umfang. Ich versuche mich immer zu hinterfragen, ob die Aufgaben wirklich nötig sind und weise darauf hin, dass bei 10 Aufgaben identischen Typs nicht alle erledigt werden müssen.
  • Regelmäßigkeit. Übungsangebote versuche ich so regelmäßig wie möglich zu geben. Bis Schüler ihren Übungsbedarf realistisch einschätzen können dauert es natürlich einige Zeit – und sicher ist es auch das ein oder andere Mal mit der schmerzliche Erkenntnis verbunden sich überschätzt zu haben.
  • Individualisierung. Klingt natürlich hochtrabend, aber muss nicht immer ein didaktisches Feuerwerk sein: Der Komplex Bruchrechnung ist abgeschlossen und zu jedem behandelten Themengebiet stelle ich einige Aufgaben zusammen. Nach kurzer Bedarfsabfrage erhält jeder Schüler aus diesem Pool Aufgaben – oder wählt diese sogar selbst aus.

Liest sich bestimmt nicht schlecht, aber natürlich gelingt es (mir) nicht immer zu jeder Zeit alle Punkte zu berücksichtigen.

Eine kleine Bestätigung erhielt ich neulich zum Tag der offenen Tür an unserer Schule, als eine Mutter folgendes zu mir sagte:

„Vor der Klassenarbeit war unsere Tochter ganz gelassen. Angesprochen darauf ob sie denn nicht für die Arbeit lernen muss sagte sie: Wir üben so viel im Unterricht, das ich nicht viel zusätzlich zuhause vorbereiten muss.“

Langfristig habe ich mir vorgenommen die Möglichkeiten unserer Lernplattform hinsichtlich der Hausaufgaben-Problematik ebenfalls sinnbringend einzusetzen. Ein paar Vorstellungen dazu habe ich schon, aber das benötigt noch einiges an Vorlauf.

 

Wer gerne etwas mehr über Hausaufgaben lesen möchte:

Pädagogik 3/13, 22-23 Hausaufgaben? Eine Kontroverse
Pädagogik 10/01, 50-51 Hausaufgaben? Pro und Contra
Pädagogik 3/13 24-25 Hausaufgaben kontrollieren?
Pädagogik 3/13 6-9 Was wissen wir über Hausaufgaben?
Pädagogik 12/04 40-44 Dauerbrenner Hausaufgaben

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/neue-studie-hausaufgaben-machen-die-klugen-klueger-und-die-dummen-duemmer-14037488.html#GEPC;s6

http://www.deutschlandfunk.de/bildung-die-wissenschaft-ist-eindeutig-hausaufgaben-sind.694.de.html?dram%3Aarticle_id=340402

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